Fachfrau Jessica Dumstorff

Wortwerkstatt

Sprachförderung als Bildungsauftrag

„Die Hundert gibt es doch“

Das Kind hat hundert Sprachen, hundert Hände, hundert Gedanken, hundert Weisen
zu denken, zu spielen und zu sprechen.

Hundert. Immer hundert Arten zu hören, zu staunen und zu lieben. Hundert heitere Arten zu singen, zu begreifen, hundert Welten zu entdecken, hundert Welten frei zu erfinden, hundert Welten zu träumen.

Das Kind hat hundert Sprachen und hundert und hundert und hundert.

Neunundneunzig davon aber werden ihm gestohlen, weil Schule und Kultur ihm den Kopf vom Körper trennen.

Sie sagen ihm, ohne Hände zu denken, ohne Kopf zu schaffen, zuzuhören und nicht zu sprechen, ohne Heiterkeit zu verstehen. Zu lieben und zu staunen nur an Ostern und Weihnachten.

Sie sagen ihm, Spiel und Arbeit, Wirklichkeit und Phantasie, Wissenschaft und Imagination, Himmel und Erde, Vernunft und Traum seien Sachen,  die nicht zusammenpassen. Sie sagen ihm kurz und bündig, dass es keine Hundert gäbe.“

Das Kind aber sagt: „UND OB ES DIE HUNDERT GIBT“      

(Gedicht von Loris Malaguzzi)

„Sprache kann als Schlüssel zu Bildungsprozessen bezeichnet werden.“

Seit einigen Jahren geraten in Debatten über Sprachkompetenzen nicht nur Kinder aus anderen Kulturen und mit sozialen Benachteiligungen ins Blickfeld. Es mehren sich Stimmen von Fachleuten, die darauf hinweisen, dass die Sprachauffälligkeiten von Kindern insgesamt zunehmen. Immer wieder ist in der Presse von „Spracharmut“ zu lesen und es wird über die hohe Zahl von Sprachstörungen oder gar von „sprachlosen Kindern“ berichtet.

Kinder verfügen von Geburt an über eine Fülle von Kompetenzen, die sehr früh einsetzen, um mit den Menschen und Dingen ihrer Umgebung zu interagieren. Sie lernen, weil sie neugierig sind, weil sie experimentieren und selbst ausprobieren wollen. Sie streben nach Handlungsfähigkeit und machen Erfahrungen mit der Welt, auf deren Grundlage sie ihre eigene innere Welt konstruieren. In diesem Sinne ist Bildung ein „Selbstbildungsprozess“, bei dem sich das Kind wie ein Forscher aktiv die Welt aneignet. Jedoch ist das Kind kein einsamer Forscher, sondern in spezifischer Weise auf die Kommunikation mit Erwachsenen angewiesen.

Die Erwachsenen sind es, die Sprache aufgreifen, anregen, zuhören und Fragen stellen. Sie sind es, die Motivation und Lust auf Sprache wecken und das Sprechen fördern. Ihr Modellverhalten spielt daher eine entscheidende Rolle.

Sprachförderung als zentraler Bildungsansatz hat in unserer Einrichtung einen besonderen Stellenwert. Somit ist Sprachförderung kein von anderen Bildungsbereichen getrenntes Sprachtraining, sondern findet beim Frühstück, in der Projektarbeit und natürlich in allen Funktionsräumen dieser Einrichtung während der Freispielphase statt.

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